Himmelskunde und Uhrmacherkunst

Mit dem Erwerb und Ausbau der historischen Sternwarte Urania im sächsischen Uhrenzentrum Glashütte öffnete Wempe ein neues Kapitel. An beziehungsreichem Ort entstehen seit 2006 die eigenen Uhrenlinien.

WEMPE Glashütte
Wiederbelebte Tradition: Wempe erwarb die Sternwarte 2005. Sie ist auch Sitz der einzigen deutschen Chronometerprüfstelle.

Als kleines Mädchen in Hamburg hatte Kim-Eva Wempe ihren Vater von einer Sternwarte erzählen gehört, weit weg in einem Ort namens Glashütte. An einem grauen Herbsttag im Jahr 2004 wollte sie diesen geheimnisvollen Platz mit eigenen Augen sehen. Doch so einfach war das nicht: Der Weg von der sächsischen Uhrenstadt hinauf zur Sternwarte erwies sich als so steil und schlecht, dass der Wagen steckenblieb. Und als der kleine Trupp schließlich doch auf dem Ochsenkopf ankam, war die Enttäuschung groß. Derart überwachsen war das Gelände, dass die Sternwarte kaum zu sehen war. Und das Gebäude selbst: eine Ruine, ein trauriger Schatten seiner Vergangenheit.

Doch allen Widrigkeiten zum Trotz war Kim-Eva Wempe und ihren Mitstreitern sofort klar: „Hier muss es sein! Die künftigen Wempe-Uhren werden in dieser Sternwarte hergestellt, und zwar als Chronometer.“

Ich wollte nicht irgendeine Uhr bauen und ‚Wempe‘ aufs Zifferblatt schreiben. erzählt Kim-Eva Wempe, „darauf wäre niemand in der Firma stolz gewesen. Was unsere eigene Mannschaft erwartete, war eine technische Spitzenleistung. Und: eine Uhr mit Hintergrund und Geschichte.“ Genau deshalb zog es Wempe ins Erzgebirge – zurück zu den eigenen Wurzeln als Uhrenhersteller.

Wenn ein Juwelier, der die besten Uhren der Welt verkauft, selbst Zeitmesser herstellen will, steht viel auf dem Spiel. Allem voran die eigene Glaubwürdigkeit. Kompetenz als Uhrenbauer war in der Firma durchaus vorhanden – bloß lagen die Erfahrungen in der Uhrenproduktion schon eine ganze Weile zurück. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Wempe mit großem Erfolg Marinechronometer gebaut, ein Kapitel in der Unternehmensgeschichte, in dem die Stadt Glashütte eine wichtige Rolle spielte – doch davon später.

Wer der „Urania“-Sternwarte heute einen Besuch abstattet, kann kaum glauben, wie verwahrlost hier alles bis vor ein paar Jahren war. Strahlend weiß leuchtet das Gebäude mit seiner charakteristischen Kuppel aus den dunklen Wäldern der Umgebung hervor. Ein Wahrzeichen, schon von weitem zu sehen. Doch der Weg dahin war dornig. „Als wir uns das erste Mal hier umschauten“, schildert Gunter Teuscher, Leiter der Wempe-Uhrenproduktion, „musste ich durch ein zerbrochenes Fenster einsteigen und sah die Ratten durch die Räume huschen. Die Mauern hatten große Risse, und die Parkettböden waren völlig aufgewellt.“

WEMPE Glashütte
Technisches Herzstück: Das Kaliber CW 3 der neuen Chronometerwerke-Armbanduhren mit typischen Glashütter Merkmalen ist bereits das dritte eigene Wempe-Uhrwerk.
WEMPE Glashütte
Präzise Zeitmesser: Die Ganggenauigkeit der Chronometer wird mithilfe eigens für Wempe konzipierter Prüfgeräte kontrolliert.

Das scheint eine Ewigkeit her. Heute gehört zu der gepflegten Anlage auch ein eleganter, 2011 eröffneter Flachdachbau. Kein Laut dringt aus dem Tal empor. In den Bäumen des nahen Waldes rauscht der Wind. Sonst: Stille. Kein Wunder, dass Wempe für seine Uhren aus der Sternwarte einen poetischen Verkaufsslogan ersonnen hat: „Wo ließe sich die Zeit besser messen als dort, wo sie stillzustehen scheint?“

Mit höchster Konzentration wird im Innern der „Urania“-Warte in den unterschiedlichsten Bereichen der Uhrmacherei gearbeitet – vom Zusammenbau der Werke und ihrer präzisen Einstellung bis zum Gravieren von Uhrengehäusen und der aufwendigen Qualitätskontrolle. Aus den fünf Personen, mit denen Wempe 2006 in Glashütte angefangen hat, sind mittlerweile über 50 Mitarbeiter geworden. Darunter auch die Uhrmacher der Serviceabteilung in einem Atelier unten in der Stadt und ein Dutzend Auszubildende.

„Unser Bedarf an Fachleuten wächst und wächst“, betont Gunter Teuscher. Schon bald werden die 18 Arbeitsplätze für Uhrmacherlehrlinge im Neubau voll besetzt sein. Eine Entwicklung, über die sich auch Markus Dressler, Bürgermeister von Glashütte, freut: „Die umfassende Ausbildung des Uhrmachernachwuchses, die Wempe betreibt, ist bemerkenswert. Sie zeugt von einem auf Dauer angelegten Engagement in unserer Stadt.“

Wempe hat sich seinen Namen in der Uhrenwelt neu machen müssen.

Daran, dass Wempe in der Uhrenwelt fest Fuß gefasst hat, besteht kein Zweifel. Die Modelle der Marken Zeitmeister und Chrono­meterwerke sind bei Uhrenliebhabern heiß begehrt. Bereits heute belegen die eigenen Uhren in den Wempe-Niederlassungen Platz 2 der Verkaufsranglisten – noch mehr Abnehmer findet nur Rolex. „Überrascht hat uns nicht der Erfolg an und für sich“, sagt Bernhard Stoll, der in der Geschäftsleitung für den Bereich Uhren zuständig ist, „sondern dass sich die Uhren in allen unseren Geschäften so gut verkaufen. Nicht nur in Hamburg und München, sondern auch in New York.“ Erstaunlich ist diese Tatsache deshalb, weil die Uhren aus Glashütte erst seit 2006 auf dem Markt sind. Die Wempe-Uhrenproduktion an diesem Ort ist also noch jung, die Tradition, die dahintersteht, aber nicht.

Eigentlich müsste man sagen: Wempe hat sich seinen Namen in der Uhrenwelt wieder neu machen müssen. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Firma, wie gesagt, führend im Bau von Marinechronometern. Eine Spezialität, bei der höchste Uhrmacherkunst gefragt war, denn bei der Zeitmessung auf hoher See ging es früher um Leben und Tod. Sicher navigieren ließ sich nämlich erst, seit der Schotte John Harrison Anfang des 18. Jahrhunderts sein Schiffschronometer erfunden hatte. Mithilfe dieses Zeitmessers konnte man den Längengrad und damit die genaue Position eines Schiffes bestimmen. Lange Zeit blieb der Bau dieser hochpräzisen Uhren eine Domäne der Briten. Doch 1905 beschlossen Hamburger Reeder, ihre eigene Chronometerproduktion ins Leben zu rufen. Ziel: bei der Zeitmessung unabhängig zu werden. Die so entstandenen Hamburger Chronometerwerke wurden schließlich von Wempe übernommen und entwickelten später auf Wunsch der deutschen Marine das sogenannte Einheitschronometer.
WEMPE Glashütte

Gebaut wurde dieser standardisierte Zeitmesser unter anderem in Glashütte, der kleinen Stadt mit der großen Uhrmachertradition ganz im Osten Deutschlands. Dort hatte sich Mitte des 19. Jahrhunderts der Uhrmacher Ferdinand Adolph Lange niedergelassen.

Ein Ausnahmetalent, das sein Metier beim königlichen Hofuhrmacher in Dresden erlernt und danach auf seinen Wanderjahren Bekanntschaft mit der Schweizer Uhrenindustrie gemacht hatte. Zurück in der Heimat nahm er sich vor, es den Schweizern gleichzutun. Und zwar wollte er nicht bloß eine Uhrenmanufaktur aufbauen, sondern eine ganze Uhrenstadt. Das ehrgeizige Vorhaben gelang. Der Industriepionier Lange zog Zulieferbetriebe und weitere Uhrenhersteller an, und so entwickelte sich aus dem unscheinbaren Ort im Erzgebirge das Zentrum der deutschen Uhrenherstellung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Niedergang, Glashütte büßte seine herausragende Stellung ein. Zu Zeiten der DDR verfiel die Uhrenindustrie in einen Dornröschenschlaf. Aber nach der Wende folgte der Wiederaufstieg. Traditionsfirmen wurden frisch belebt, und neue Uhrenhersteller ließen sich in der Stadt nieder, die auf ihren Ortsschildern verkündet: „Hier lebt die Zeit“. Die Marinechronometer haben ihre Bedeutung längst verloren. Zur Positionsbestimmung dient auf den Schiffsbrücken heute die Satellitennavigation, das GPS hat die mechanische Schiffsuhr abgelöst. Doch das uhrmacherische Wissen der Chronometerbauer von Glashütte lebt weiter, und deshalb war klar, dass auch die Wempe-Zeitmesser fürs Handgelenk in dieser Stadt gebaut werden sollten. Doch weshalb ausgerechnet in der alten Sternwarte?

Der Ort hoch über der Stadt hat in der Geschichte der Juweliersfamilie eine ganz besondere Bedeutung. Kim-Eva Wempe konnte sich an ein Foto aus ihrer Kindheit erinnern, das ihren Großvater Herbert Wempe zusammen mit Otto Lange, dem Enkel des Uhrenpioniers, zeigt, aufgenommen vor ebendieser Sternwarte. Denn die beiden Unternehmer hatten Ende der 1930er-Jahre Großes vor: Sie wollten die Sternwarte zu einem Forschungs- und Weiterbildungszentrum für Uhrmacher machen und darin ein Réglage-Institut errichten. Der Krieg machte diese Pläne zunichte.

Juwelier Wempe Uhren Glashütte Himmelskunde


Gebaut wurde die Sternwarte 1910 auf Initiative der Uhrmacherverbindung „Urania“. Die Initiatoren fanden, Glashütte brauche seine eigene Referenzzeit zum Einstellen der Uhren. Bis dahin wurde dieses Zeitsignal telefonisch von der Sternwarte in Berlin übermittelt – eine Methode, die schon lange nicht mehr den Glashütter Präzisionsansprüchen entsprach. Die renovierte „Urania“-Warte mit ihrem Hightech-Teleskop würde dieser Aufgabe heute wieder spielend gerecht. Doch sie wird nur noch von Hobbyastronomen genutzt – für die Referenzzeit verlässt man sich bei Wempe auf eine mit der Atomuhr in Braunschweig verbundene Funkuhr.

Die Uhrmacher von der Sternwarte haben ein Werk von Grund auf neu entwickelt.

Nach wie vor viel Handarbeit ist aber direkt unter der Kuppel der Sternwarte gefragt. Hier arbeitet unter anderem Sebastian Dohrmann. Der gelernte Uhrmacher ist damit beschäftigt, eine Uhr der Marke Wempe Chrono­meterwerke perfekt einzustellen. Dazu wird das Werk – hergestellt in Zusammenarbeit mit der Glashütter Firma Nomos – zuerst komplett in seine Einzelteile zerlegt und danach wieder zusammengesetzt. Eine Aufgabe, die dem jungen Mann ein bis zwei Tage hochkonzentrierter Arbeit abverlangt. Die Basiswerke für die Marke Zeitmeister stammen aus der Schweiz, werden aber in Glashütte veredelt. Will heißen: mit zusätzlichen Komponenten versehen, die eine möglichst präzise Réglage erlauben.

Doch seit neuestem geht man bei Wempe einen großen Schritt weiter. Die Uhrmacher von der Sternwarte haben gemeinsam mit internationalen Experten ein Werk von Grund auf neu entwickelt, das ausschließlich in Wempe-Uhren zum Einsatz kommt. Einen solchen Kraftakt leisten sich nur die wenigsten Hersteller – die meisten kaufen das Innenleben ihrer Uhren von der Stange. Eines der ersten Exemplare der neuen Chronometer­werke-Uhren trägt Sebastian Dohrmann am Handgelenk. Im Gegensatz zu den früheren Modellen der Marke, die eine Tonneau-Form aufweisen, ist diese Uhr rund. Die Gestaltung des Zifferblatts nimmt Bezug auf das legendäre Wempe-Marinechronometer. Eine Verneigung vor der eigenen Geschichte gewissermaßen.

Bei den Uhrmachern auf der Sternwarte dreht sich alles um Präzision. Ihr großer Ehrgeiz: das Äußerste an Genauigkeit aus den mechanischen Uhrwerken herauszuholen. In einem der lichtdurchfluteten Räume im Neubau auf dem Ochsenkopf zeigt Friedrich Kube, der für die Produktion der Zeitmeister-Uhren verantwortlich ist, wie sich ein bestehendes Werk mit der Wempe-eigenen Reguliereinheit, bestehend aus Unruhkloben und KIF-Stoßsicherung, aufrüsten lässt. Eine Arbeit, derart minutiös, dass dem Laien Hören und Sehen vergeht.

„Wir schaffen die Grundvoraussetzung dafür“, beschreibt Kube seine Tätigkeit prosaisch, „dass sich das Werk ordentlich regulieren lässt.“ Konkret: auf die Sekunde genau. Nur so lassen sich die bei Wempe gefragten höchsten Ansprüche erreichen. Qualitätsstandards, von denen das polierte Messingschild am Eingang der Sternwarte zeugt. „Deutscher Kalibrierdienst – Außenstelle Chronometerprüfung“ steht darauf. Hintergrund: Chronometer, eine Bezeichnung für besonders präzise Zeitmesser, dürfen nur Uhren genannt werden, die eine anspruchsvolle Prüfung bestanden haben. Jahrzehntelang wurde diese Begutachtung exklusiv von einer Prüfstelle in der Schweiz durchgeführt – und ausschließlich für in der Schweiz hergestellte Uhren. Ein Dilemma, aus dem es für einen ehrgeizigen deutschen Uhrenbauer wie Wempe nur einen Ausweg gab. „Wir haben uns kurzerhand entschlossen, ein Prüflabor aufzubauen“, sagt Gunter Teuscher. Realisiert wurde dieses Vorhaben in Zusammenarbeit mit den Ämtern für Mess- und Eichwesen der Länder Thüringen und Sachsen, unter deren Leitung die unabhängige Prüfstelle steht.

Nun werden im Kellergeschoss des Neubaus nicht nur Uhren von Wempe, sondern auch von anderen deutschen Herstellern auf Herz und Nieren geprüft. Spezielle Geräte bewegen sie 15 Tage lang in verschiedenen Lagen und bei unterschiedlichen Temperaturen. Das wichtigste Prüfkriterium: Die maximale tägliche Gangabweichung darf nicht mehr als minus sechs bis plus vier Sekunden betragen. In zwei Punkten übrigens sind die Anforderungen nach der deutschen Norm noch strenger als jene in der Schweiz. Erstens: Ein Chronometer muss sekundengenau einstellbar sein. Und zweitens: Das Uhrwerk wird nicht separat getestet, sondern im Gehäuse montiert. Noch gibt es im Labor unter der Sternwarte Platz für weitere Prüfkästen. Und tatsächlich ist ein Ausbau bereits geplant. Denn Jahr für Jahr steigen die Verkaufszahlen zweistellig an – die Geschichte der Wempe-Uhren ist noch längst nicht zu Ende geschrieben.

Die Geschichte der Wempe-Uhren ist noch längst nicht zu Ende geschrieben.

Wie lässt sich dieser erstaunliche Erfolg erklären? Bernhard Stoll, Leiter des Bereiches Uhren im Haus Wempe, meint: „Wir wollten eigene Uhren bauen, weil sich die meisten Marken aus dem mittleren Preissegment zurückgezogen haben und nur noch auf Luxus setzen. Unsere Strategie, auch kleinere Budgets zu bedienen, zahlt sich aus.“ Und Firmenchefin Kim-Eva Wempe hält eine simple, aber umso stärker einleuchtende Antwort bereit: „Unsere Uhren sind einfach wahnsinnig schön! Sie haben ein Gesicht und sprechen die Kunden auf Anhieb an.“

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