Die Spur der Steine

Alles leuchtet: Mit Kim-Eva Wempe auf der Suche nach Farbedelsteinen in Brasilien.

WEMPE Magazin Brasilien
Abendsilhouette. Die Stadt Ouro Preto verdankt ihren Reichtum den Edelsteinminen und zählt heute zum Weltkulturerbe.

Für einen Moment, tatsächlich, vergisst sie die Steine. „Haben wir noch genügend Wasser?“ fragt Kim-Eva Wempe in die Runde, als Fahrer Nezio den geplatzten Reifen untersucht und irgendetwas auf Portugiesisch vor sich hin murmelt. Es sieht nicht gut aus. Und in der Nähe wippen ein paar Urubus, so nennen sie hier die rotköpfigen Geier.

Es wäre ja alles nicht so wild, wären sie nicht irgendwo auf einer dieser roten Erdstraßen gestrandet, die den Südosten Brasiliens wie Adern durchziehen. Die Sonne brennt am Himmel. Weit und breit kein Mensch, keine Siedlung, und bis zum nächsten Provinzstädtchen sind es noch 150 Kilometer. Es ist der zweite Tag einer anstrengenden, einer ungewöhnlichen Reise. Zu dieser hat Hellmut Wempe, schon lange ein Enthusiast der Farbedelsteine, seine Tochter und engsten Mitarbeiterinnen eingeladen. Dass auf dem Jeep die Typenbezeichnung „Adventure“ steht, entdecken sie erst, als das Abenteuer schon vorbei ist.

Es ist eine Reise, die nichts mit Notwendigkeit, aber viel mit Leidenschaft zu tun hat: Eine Woche lang fährt die Gruppe durch das Innere Brasiliens, zu den Ursprüngen der Farbedelsteine. Sie sind auf der Suche nach besonderen Steinen; sie besichtigen Minen, besuchen Steinhändler. Vor allem wollen sie auch sehen, wo die Berylle, Turmaline, Topase und Aquamarine herkommen, die später durch die Hand der Steinschleifer gehen, auf Messen ihren Besitzer wechseln und schließlich bei den Schmuckdesignern für Kopfzerbrechen sorgen: wie man am besten die Schönheit eines Steins bewahrt. Bei der Reifenpanne auf der roten Erdpiste bekommen sie eine Ahnung davon: was für einen unendlich langen Weg ein Stein hinter sich hat, bevor er schließlich am Finger einer Käuferin landet.

Wenn es ein Land gibt, das Farbedelsteine in allen Farben und Schattierungen hervorbringt, so ist es Brasilien. In der Antike kamen die meisten aus dem Orient, heute stammen ungefähr 90 Prozent aus dem südamerikanischen Land. Früher galten nur Diamant, Smaragd, Rubin und Saphir als Edelsteine, alles andere wurde als zweitrangig bis minderwertig angesehen. Aus dieser Zeit stammt die Bezeichnung „Halbedelsteine“, ein Wort, das die Liebhaber der feurig leuchtenden oder matt glimmenden Steine längst nicht mehr gebrauchen.Während dort erst 1963 der erste Smaragd gefunden wurde, werden in den Minen seit über 300 Jahren Topase und Turmaline gewonnen.

Die weltweit begehrtesten Farbvariationen gehören dazu: so der Imperialtopas, ein Stein, der schimmert wie Gewürztraminer im Glas, und der hellblau bis grüne Paraiba-Turmalin, einer der seltensten Edelsteine überhaupt.

WEMPE Magazin Brasilien
Unbestechliches Auge: Kim-Eva Wempe begutachtet einen facettierten Imperialtopas.
Am ersten Tagbrechen sie nach Teófilo Otoniauf, eines der Zentren des Edelsteinhandels. Allerdings: Brasilien ist ein riesiges Land. Mit riesigen Entfernungen, wenn man drei Minen innerhalb kurzer Zeit sehen will. „Wir waren hinten im Jeep zu dritt und haben uns jeden Tag umgesetzt“, sagt Chef-Einkäuferin Anja Heiden, seit 23 Jahren beim Unternehmen und auch in Brasilien dabei. „So waren die Schmerzen wenigstens verteilt.“ Die Reise geht quer durch den Bundesstaat Minas Gerais, über staubige Straßen. Dem Namen hört man die Vergangenheit noch an: Er bedeutet „Allgemeine Minen“, und die Orte hier tragen Namen wie Turmalina, Diamantina, Carbonita, Topázio, Berilo oder Cristália. Im 17. Jahrhundert wurde zuerst Gold gefördert, dann fand man Edelsteine. Und was für welche: Im Jahr 1740 wurde der sogenannte Braganza-Diamant nach Portugal verschifft. Erst später stellte sich heraus, dass der vermeintliche Diamant von 1680 Karat ein Topas war, ein Kronjuwel von wunderbarer Transparenz.

Teófilo Otoni ist eine triste Provinzstadt, die sich selbst „Welthauptstadt der Juwelen“ nennt. Die Steine aus der Umgebung werden in Teófilo umgeschlagen; rund zweitausend Händler und Schleifer leben in der Stadt. Selbst auf der Straße falten die Verkäufer ihre Papierumschläge auseinander und zeigen die glitzernden, bunten Steine. Sich hier vor Ort einmal umzusehen und ein paar Minen zu besichtigen, scheint eine gute Idee zu sein, vor allem, wenn man wie Kim-Eva Wempe diesen Jagdtrieb verspürt, ganz unten in einem Koffer, bei einem Händler den einen, den ganz besonderen Stein zu finden; eine Passion, die alle Mitreisenden vereint. Jeder einzelne Stein wird gedreht und gewendet. Wird einer vorzeitig beiseite geschoben, ist immer noch so eine Angst da, „oder besser“, sagt Kim-Eva Wempe, „ein Fieber“: Man könnte schließlich etwas übersehen haben.

"Man erinnert sich an spektakuläre Steine“, sagt sie. Ihre persönliche Leidenschaft für Farbedelsteine hat längst den Weg in die Kollektion gefunden. „Wir haben in den letzten Jahren immer mehr mit Unikaten gearbeitet“, sagt Anja Heiden. „Nach dem jahrelangen ‚Diamanten, das passt zu allem‘ werden die Farbedelsteine aufgrund ihrer Individualität für unsere Kundinnen immer wichtiger.“ Man sieht aber einem Rohstein nicht immer an, was aus ihm herauszuholen ist; selbst mit jahrelanger Erfahrung ist das schwierig. Das wird im Büro eines Steinhändlers deutlich – dort sieht es aus wie in einem naturhistorischen Museum. Überall liegen Gesteinsbrocken herum, dunkles Muttergestein. Auf dem Tisch aber liegt ein Aquamarinkristall, bei dem sich Kim-Eva Wempe und ihre Begleiter die Augen reiben. „Zwölf Kilo“, sagt Anja Heiden. „Im ganzen Leben habe ich noch nie so einen Block gesehen.“ Man entdeckt allerdings erst beim Schleifen, ob ein Edelberyll daraus wird oder ein Aquamarin. Ein Rohstein ist immer ein Rätsel.
Zwei Tage darauf, sie machen Halt in einer Stadt namens Governador Valadares. Wieder geht es über endlose Pisten, „gefühlte tausend Kilometer“, bemerkt Anja Heiden. Das Ziel heißt „Lavra do Morrão“, eine Mine, in der Turmaline und Aquamarine aus dem Gestein gebrochen werden. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Als die Gruppe vor dem riesigen Erdhügel eintrifft, in den sich viele kleine Gänge bohren, reitet ihnen ein Edelsteinsucher, ein Garimpeiro, auf einem Maulesel entgegen. Hier suchen die Männer auf eigene Faust, mit Spitzhacke und bloßen Händen; es sind Glücksritter wie seit Jahrhunderten. „Sehr ursprünglich“, sagt Anja Heiden, bevor sie den anderen in den Berg folgt. Es ist heiß und stickig; die Öllampen stinken. „Der Kontrast zu den professionellen Minen ist unglaublich.“ Zu Minen wie „Rochas Minerais“, einer Smaragdmine, die sie später und etliche hundert Kilometer weiter besuchen, wo mit modernem Gerät gearbeitet wird und alle Arbeiter rote Helme tragen. Besitzer Antonio hat sogar den Geologen der Nachbarmine abgeworben, anscheinend mit Erfolg, denn drinnen im Stollen blitzt es grün inmitten des schwarzen Gesteins: Smaragde.

Die Gruppe kauft einen Stein bei Antonio, selbst wenn so ein Kauf ohne die Prüfung durch ein gemmologisches Gerät immer ein Risiko birgt. Ist der Stein sein Geld wert? Vertrauen und Risiko – immer wieder sprechen sie davon in Minas Gerais. Zu dem Smaragd kommen noch Imperialtopase hinzu, aus einer benachbarten Mine, Unikate von mehr als zehn Karat, das sind die größten, die man überhaupt bekommen kann. Das Verkaufsgespräch findet bei Hühnchensuppe und Feijoada im Freien statt, und als sie weiterfahren, trottet ein Pferd neben dem Auto her. Um Steine zu kaufen, dafür sind die Minen gewöhnlich kein geeigneter Ort. Denn im Normalfall wird der Preis dort gemacht, wo sich das Potenzial eines Steins offenbart. Während beim Diamanten gilt, je farbloser, desto wertvoller, ist bei Farbedelsteinen das Gegenteil begehrt. Die Farbintensität ist entscheidend. Und die Natur diktiert den Preis: Es ist unterschiedlich, in welchen Mengen eine bestimmte Schattierung gefunden wird. Die Mine mit dem begehrten Paraiba-Turmalin war zum Beispiel schnell erschöpft, das hat den Preis für diese Steine ins Unermessliche getrieben. 

Es ist die Leuchtkraft von Farbedelsteinen, die die meisten fasziniert. Es gibt sie in allen Schattierungen. Was Kim-Eva Wempe schon seit Jahren sucht, ist ein petrolfarbener Stein, ein Turmalin, und dass sie ihn noch nicht gefunden hat, heißt nicht, dass es ihn nicht gibt. „Das ist ja das Schöne“, sagt sie: „Turmaline gibt es in allen Farben.“ Damit drückt sich durch die Wahl eines bestimmten Steins etwas höchst Individuelles aus: „Es gibt Steine, die muss man einfach haben.“ Mit Diamanten kann man nichts falsch machen, es gibt börsennotierte Werte, das lässt sich besser greifen als eine individuelle Vorliebe. Wenn Männer für Frauen Schmuck kaufen, setzen sie meist genau darauf: auf Bewährtes. Schmuck mit Farbedelsteinen dagegen wird meist von den Frauen selbst gekauft. „Man muss natürlich wissen, was einem steht“, sagt Kim-Eva Wempe. 

Einen Tag vor der Rückreise bekommt Kim-Eva Wempe noch einmal Besuch. Die Gruppe ist in einem Hotel in Belo Horizonte abgestiegen, der Hauptstadt von Minas Gerais. Nachmittags stehen zwei Männer mit Rollköfferchen vor dem Hotelzimmer. Der Händler heißt Marco Aurélio Nascimento, und zunächst hat er nicht viel zu bieten. Eher oberflächlich begutachtet die Gruppe den Inhalt der Koffer: zu klein die Topase, zu gewöhnlich die Ware. Trotzdem schauen die Reisenden Lage um Lage an, „es ist die Angst“, sagt Kim-Eva Wempe, dann doch etwas zu verpassen. Auf einmal hält sie inne. „Das gibt’s doch nicht.“ In den Händen hält sie einen Turmalin, es ist eine unglaubliche, nie gesehene Farbe. Sie hält ihn gegen das Licht – der Stein leuchtet in tiefstem Petrol.

Entdecken

Um Ihnen online ein bestmögliches Erlebnis bieten zu können, verwendet Wempe Cookies. Mit der Nutzung unserer Webseite stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr erfahren

Ok